ZOOMORPHE PHRASEOLOGISMEN IM DISKURSKONTEXT

Матеріали 2020

УДК 811.112.2.2373. 72

Olena Shmyrko

(Kamjanez’-Podilsker nationale Ivan Ohijenko Universität)

ZOOMORPHE PHRASEOLOGISMEN IM DISKURSKONTEXT

Summary. In this article the problem of the discursive world view is presented. Also the connection and interaction of such entities as language, discourse and culture were shown on examples of zoomorphic phraseologisms.

Keywords: discourse linguistics, linguistic worldview, discursive worldview, language, discourse, culture, zoomorphic phraseologism.

Die Diskurslinguistik ist eine relativ neue Teildisziplin der germanistischen Linguistik, die das Verhältnis zwischen Sprache, Wissen und Gesellschaft untersucht. Sie beschäftigt sich mit der Frage, wie soziale Wirklichkeiten in transtextuell organisierten Einheiten konstruiert werden [3, S. 26]. Die Diskurslinguistik ist semantisch- und kulturwissenschaftlich orientiert. Diskurs selbst stellt die Möglichkeitsbedingung für die kulturspezifische Wissensprofilierung dar und somit zwischen Sprache und Kultur also zwischen sprachlichem Wissen und kulturspezifischen Werten permanent verhandelt [2, S. 186].

Die Kategorie des diskursiven Weltbildes knüpft an die Tradition der Lubliner Ethnolinguistik und die Ansätze des sprachlichen Weltbildes an [2, S. 187]. Der Begriff des sprachlichen Weltbildes wurde von den amerikanischen Ethnolinguisten E. Sapir und B. Whorf abgeleitet, die die Hypothese des „sprachlichen Relativismus” aufgestellt haben, und er knüpft sowohl an die linguistischen Ideen von W. von Humboldt (wobei er den Terminus „Weltansicht“ verwendete) und an die Ansätze von L. Weisgerber als auch an die Leistungen der französischen und italienischen Aufklärung an [1, S. 262-263]. J. Bartminski definiert diese Kategorie wie folgt: „Das sprachliche Weltbild gilt als eine in der Sprache enthaltene Wirklichkeitsinterpretation, die sich als Menge von Denkmustern über Welt, Menschen, Gegenstände und Ereignisse erfassen lässt. Es ist nicht ein Spiegelbild oder eine Fotografie der realen Gegenstände, sondern deren Interpretation, ein subjektives Porträt“ [1, S. 226].

Es entsteht also die Frage, was eigentlich das diskursive Weltbild vom sprachlichen Weltbild unterscheidet. W Czachur erklärt dieser Unterschied wie folgt: „Die Komponente diskursiv steht hierbei für den dynamischen Charakter des Profilierungsprozesses der sprachlichen Wissensformationen. Sprache als soziale und kulturelle Entität ist keine statische Größe, sie entwickelt und verändert sich permanent, weil sich die Gesellschaft permanent entwickelt. Daher erfolgt die Wissensgenerierung mittels Sprache vor allem in Diskursen…“ [2, S. 187]. Dies gilt auch für solche permanenten sprachlichen Phänomene wie zoomorphe Phraseologismen. Diesem Problem sind mehrere wissenschaftliche Arbeiten zeitgenössischer Forscher gewidmet: M. Agethen, G. Büchmann, C. Hünemörder, J. Körber, R. Lutz, W. Richter u. a. m. Es sei erwähnt, dass die Symbolik von Tieren von ihren inhärenten Eigenschaften abhängt, von der Rolle, die sie im menschlichen Leben spielen.

Die Aufgabe des Artikels besteht darin, die Kategorie des diskursiven Weltbildes vorzustellen sowie auch den Zusammenhang und das Zusammenspiel von solchen Entitäten wie Sprache, Diskurs und Kultur auf Beispielen zoomorphen Phraseologismen zu zeigen.

Die Namen derselben Tiere in verschiedenen Kulturen, die in Bezug auf Menschen verwendet werden, bedeuten oft ganz unterschiedliche Eigenschaften und charakterisieren Menschen auf unterschiedliche Weise. Dies hängt von vielen Gründen ab: Erstens von der Einstellung zu diesem Tier in einer bestimmten Kultur, der Geschichte der „Beziehung“ einer Person zu bestimmten Tieren in einem bestimmten Gebiet sowie dem Kenntnisstand über die Gewohnheiten von Tieren sowie den gebildeten Stereotypen. Einige Wendungen sind Zitate aus zuvor bekannten, aber im Laufe der Zeit vergessenen literarischen Werken. So zum Beispiel, phraseologische Wendung das war des Pudels Kern bedeutet ‘der wahre / eigentliche Sachverhalt; des Rätsels Lösung’. Diese Wendung ist aber ein Zitat aus Goethes „Faust“. Ein Pudel, der sich während des Osterspaziergangs zu Faust und Wagner gesellt, entpuppt sich im Studierzimmer als Mephisto. Da sich Faust mit „schwarzer Magie“ beschäftigt, erkennt er sogleich durch die Art der Verwandlung den Abgesandten der Hölle und sagt: „Das also war des Pudels Kern!“ Bei der Gestaltung dieses Motivs orientierte sich Goethe an altüberlieferten magischen Vorstellungen: im Aberglauben äußert sich die dämonische Natur des Hundes in vielen Sagen von riesengroßen schwarzen Hunden mit glühenden Augen, sie sind Begleiter von Unholden; der Teufel wählt sich auch gern die Gestalt eines schwarzen Hundes, insbesondere eines Pudels [4]. Allerdings erinnern sich nur sehr wenige an dieses Zitat, wenn sie diesen Phraseologismus verwenden.

Mit obengenannten Hunderasse ist noch eine berühmte Redewendung verbunden: dastehen wie ein begossener Pudel ‘kleinlaut / beschämt / eingeschüchtert sein / einer peinlichen Situation ausgesetzt sein’. Auf den ersten Blick erscheint die Etymologie verständlich: der nasse Hund sieht wirklich erbärmlich aus, aber warum hat nämlich der Pudel damit zu tun? Im Niederdeutschen bedeutet das Wort Pudel (umgangssprachlich) ‘Pfütze, Pfuhl, Morast’. Sich pudeln meint im Dialekt: ‘Sich im Wasser hin und her bewegen’. Auch die Begriffe pudelnass und sich pudelwohl fühlen gehören in diesen Zusammenhang. Den Hund, den man im 17. Jahrhundert für die Jagd auf Wasservögel abrichtete, bezeichnete man daher als „Pudelhund“ und seit Beginn des 18. Jahrhunderts als „Pudel“. Der erbärmliche Anblick des nassen und frierenden Pudels hat zur Redeweise vom begossenen Pudel geführt, die (in der Variante nasser Pudel) schon in Schillers „Räubern“ vorkommt [4].

Mit der Jagt ist auch die Redewendung vor die Hunde gehen verbunden. Bei der Jagd fällt krankes und schwaches Wild eher den Jagdhunden als dem Jäger zum Opfer. Ein solcher Tod ist also besonders schmerzlich und gewaltsam. Die Wendung ist seit dem 17. Jahrhundert belegt und bedeutet ‘zugrunde gehen / elend sterben / verkommen / verwahrlosen / herunterkommen’ [4]. Noch eine Hunderasse ist oft in der Phraseologie gefunden: der Mops. Wie der Mops im Paletot bedeutet ‘munter / vergnügt / pudelwohl’. Als Schoßhund gilt der Mops als zufriedener und fröhlicher Hund, obwohl sein Gesichtsausdruck eher mürrisch ist. Der Spruch „Lebe glücklich, lebe froh / wie der Mops im Paletot“ ist um 1870 aufgekommen. Redensartliche Vergleiche mit Mops gibt es aber schon länger. K.-F. Wander nennt folgende, mittlerweile ebenfalls veraltete Redensarten: „Er amüsiert sich, wie der Mops im Tischkasten“; „Er amüsiert sich, wie der Mops auf der Türklinke“. Beide beziehen sich auf den Gesichtsausdruck des Mopses und bezeichnen gähnende Langeweile [4].

Phraseologische Redewendung die Schafe von den Böcken / die Böcke von den Schafen scheiden / trennen / sondern im Sinne ‘Gute und Böse trennen’ scheint auf den ersten Blick nicht besonders verständlich. Es existierte ein uralte Schäferbrauch, die Herde nach Geschlechtern zu trennen, aber wer sei ‘Gute’ und wer – ‘Böse’? Dieser Brauch aber wird schon in der Bibel (Matth. 25, 32) gleichnishaft verwendet, um die Trennung der Sünder von den Seligen beim Jüngsten Gericht bildhaft darzustellen [4].

Es existieren auch variable Redewendungen: den Esel meinen, aber den Sack schlagen / den Sack schlagen und den Esel meinen / den Sack schlägt man, den Esel meint man / man schlägt den Sack und meint den Esel, die bedeuten: ‘eine Maßnahme ergreifen, die den Falschen trifft; jemanden für etwas kritisieren, für das jedoch jemand anderes verantwortlich ist; einen Sündenbock suchen, weil man den wirklichen Verursacher eines Missstandes nicht zur Verantwortung ziehen kann; einen Schwächeren angreifen, weil man den Stärkeren nicht anzugreifen wagt’ [4]. Dies ist ein Hinweis auf „Das Gastmahl des Trimalchio“ (lateinisch „Cena Trimalchionis“) – die längste erhaltene und die bekannteste Episode aus dem fragmentarisch überlieferten Roman „Satyricon“ von Petronius Arbiter (ca. 14-66 n. Chr.): „Wer den Esel nicht schlagen kann, schlägt den Packsattel“ [4].

Aber nicht immer ist es möglich, den Ursprung der phraseologischen Redewendung genau zu bestimmen. So zum Beispiel, die Wendung sich nicht ins Bockshorn jagen lassen bedeutet ‘sich nicht einschüchtern / entmutigen / demoralisieren lassen; sich nicht den Mut nehmen lassen’. Die Herkunft dieser Redensart ist aber umstritten. Folgende Deutungen sind möglich:

  1. Angeblich gab es früher ein Gestell namens Bockshorn, in dem die Böcke kastriert wurden. Daraus soll sich auch ein Folterwerkzeug gleichen Namens entwickelt haben.
  2. Im alten Bayern gab es ein volkstümliches Rügegericht gegen Sünder, die gegen die Volksmoral und die Sittenbegriffe des bayerischen Oberlandes verstoßen hatten. Dieses so genannte Haberfeldtreiben bestand in einer nächtlichen Versammlung, in der die Beteiligten dem Beschuldigten vor dessen Haus öffentlich dessen Vergehen vorhielten. J.Schmeller schreibt in seinem „Bayerischen Wörterbuch“ genauer: „Es war an vielen Orten Bayerns die Gewohnheit, dass wenn ein Mädchen zum Fall kam, sie des Abends von den jungen Burschen des Dorfes unter unzähligen Geißelhieben in ein Haberfeld (Haferfeld) und von da wieder nach Hause getrieben wurde. Der Verführer musste selbst mitmachen“ [5, Sp. 1033f]. Das Stroh war in Form des Strohkranzes bekanntlich das Sinnbild der verlorenen Jungfräulichkeit, angeblich deshalb, weil die Gebärende auf dem Strohlager niederkam. Der im Haberfeldtreiben Gedemütigte musste ein Bocksfell, das Zeichen der sündigen Geilheit, überziehen. Der althochdeutsche Name dieses Bocksfells war „bokkes hamo“. Aus „hamo“ (Hülle, Hemd) könnte sich in volksetymologischer Umdeutung „Horn“ ergeben haben, so dass sich ein Wandel von „bokkes hamo“ zu Bockshorn ergab. Übrigens verweist auch die alte Form Haber für Hafer etymologisch auf das germanische Wort „hafr“ (Bock), so dass das Getreide auch als Speise des „Hapar“ (Bockes) gedeutet worden ist. Die Wendung ist seit dem Jahre 1500 schriftlich belegt. Ein Lutherzitat hat wahrscheinlich ihre Verbreitung begünstigt: „Alle Welt ist erschreckt und überpoltert, bis sie endlich in ein Bockshorn ist gejagt“ [4].

Es sei darauf zurückgeführt, dass infolge bestimmter Gedankenänderungen oft ein Phraseologismus im übertragenen Sinn entsteht, der die ursprüngliche Bedeutung vollständig nie oder fast nicht gefühlt wird, da die direkte Verbindung der Phrase mit der besonderen Situation des Phänomens verschwindet, die greifbaren Bilder im Laufe der Zeit gelöscht werden und ihre innere Form vergessen wird. So entsteht eine neue Nominativeinheit – Ausdrucksweise mit einer neuen internen Form. Es wäre für die weitere Forschung interessant zu erörtern, welche Kategorien und Instrumente die Erfassung des Zusammenspiels von erforschenden Entitäten (Sprache, Diskurs und Kultur) möglich machen.

LITERATURVERZEICHNIS

  1. Bartminski J. Der Begriff des sprachlichen Weltbildes und die Methoden seiner Operationalisierung / Übersetzung aus dem Polnischen: W. Czachur, W Schramm. Tekst i dyskurs text und diskurs. 2012. Nr. 5. S. 261-289. URL: https://www.yumpu.com/de/document/view/27091576/der-begriff-dessprachlichen-weltbildes-und-die-tekst-i-dyskurs/5 (Abgerufen am: 22.02.2020).
  2. Czachur W. Das diskursive Weltbild und seine kognitionstheoretische Fundierung in der Diskurslinguistik. STUDIA GERMANICA GEDANENSIA. Gdańsk : Instytut Filologii Germańskiej, Uniwersytet Gdański, 2013. Nr. 29. S. 186-197.
  3. Gredel E. Das wissenschaftliche Netzwerk „Diskurse – Digital: Theorien, Methoden, Fallstudien“.Mannheim : Institut für Deutsche Sprache, 2017. Nr. 3. S. 26-31.
  4. Redensarten-Index. Wörterbuch für Redensarten, Redewendungen, idiomatische Ausdrücke, Sprichwörter, Umgangssprache. URL: https://www.redensarten-index.de/(Abgerufen am: 23.02.2020).
  5. Schmeller J. A. Bayerisches Wörterbuch: in 2 Bä. München : R. Oldenbourg, Bd. 1. 23 S.